, Preukschat Uwe

Vatertag oder die Flucht nach vorn

Dass der Treh viel beflogen wird, ist bekannt. Leider gibt es Tage, an denen es zu viel ist. Dass auch eine Flucht kein Nachteil sein muss, zeigt mein Erlebnis.

 

 

Aber der Reihe nach. Christi Himmelfahrt, oder Vatertag, wie wir oft sagen. Immer ein Donnerstag und fast in ganz Europa Feiertag. Das bedeutet auch, dass fast in ganz Europa der Freitag als Brückentag genutzt wird. Dann lohnt es sich bei gutem Wetter ein langes Wochenende in den Vogesen zu verbringen. Leider ist diese Tatsache nicht nur mir bekannt, sondern im Jahr 2022 dachten sich das wohl auch viele andere Flieger. Ich habe nur selten so viele verschiedene Nationalitäten am Treh erlebt. Parken am Treh war ab dem späteren Vormittag kaum noch möglich.

Jetzt hatten wir Para-Ski'ler zum Glück einige Fahrer und dadurch war das Parken kein Problem. Dann ging am Vatertag nachmittags auf zum Treh. Himmel und Menschen. Die Luft voller Schirme. Rings umher Piloten, Tandempiloten, Tandempassagiere, Tandempassagiergucker. Ich habe ein Weile überlegt, ob ich überhaupt starten soll. Aber der Wunsch zu fliegen war groß und es war auch noch am späten Nachmittag thermisch. Ich entschied mich dann doch für einen Start und exakt um 17:02 zog ich meinen Schirm auf und hob ab. Dann gleich -für diese Uhrzeit ungewöhnlich- ab zur rechten Gräte, weil dort die Schirme Höhe gemacht haben.
Das Vario meldete sich dann auch brav nach einigen Metern über dem Naturfreundehaus mit seinem Steigsignal. Dies bestmöglichst nutzend, habe ich dann auch gleich eingedreht und begann zu steigen. Aber bereits nach wenigen Kreisen stellte ich meine Startentscheidung wieder infrage. Es waren einfach zu viele Piloten in der Luft und man wusste gar nicht, wohin man überall schauen musste, um niemanden zu gefährden. 2 Links- und ein Rechtskreis haben genügt um etwas Höhe zu tanken und die Flucht zu ergreifen. Nix wie ab zur linken Gräte und nur weg vom vielen Verkehr war meine Devise.
Dort ging zunächst mal nichts und ich war bereits gedanklich beim Landen. Aber ‼️ Viel Verkehr in der Luft bedeutet auch, dass auch viele landen wollen. Ein Blick zum Landeplatz Aerotec genügte, um meine Befürchtungen zu bestätigen. Schirme, Schirme, Schirme. Boah, nicht schon wieder sagte ich mir und traf auf dem Weg zur Siebach eine Entscheidung. Und die hieß zum zweiten Mal "nix wie weg". Weg! Überall landen, nur nicht dort, wo alle sind. Mit einem längeren oder gar weiteren Flug hab ich da nicht mehr gerechnet. Sofort außenlanden wollte ich wiederum auch nicht. Mein Blick in Richtung St. Amarin, wo ich um ausreichend Landemöglichkeiten weiß, zeigte mir meinen Vereinskameraden Benny, gut erkennbar am Sonderdesgin seines Paragleiters. Und während ich noch über Außenlandewiesen nachdachte, denk ich: "Ich glaube der Benny steigt." Im Tal! Ob das noch der Fall ist, bis ich dort ankomme? Egal. Hauptsache nicht zurück in den Verkehr. Also steuerte ich in Richtung Ranspach, hin zu Benny. Alles an Höhe hatte ich bereits eingebüßt und mit 890 m NN, waren's gerade mal 200 m über Grund an der Stelle. Ab Fellering begann das Vario dann wieder zu piepen. Cool! Das nehmen wir mal schön mit. Piep, Piep, Piep. Der Benny war über mir, aber irgendwann hab ich ihn aus den Augen verloren. Nach rund 10 Minuten hatte ich mit 1.430 m NN wieder Boden gut gemacht. In Ranspach oder St. Amarin musste ich nun nicht mehr zwingend runter. Meine Idee war die große Wiese zwischen Fellering und Urbès. Ich dachte an Boris viele Jahre zuvor "gibt Strasse, kann man drauf laufen", dass es von da an ein Heimweg ohne Abholer zu Fuß möglich ist. 

Auf wem Weg dorthin verlor ich stetig an Höhe, aber die Wiese schien locker erreichbar. Jedoch schien das Thermikglück auf meiner Seite zu sein. Je näher ich der "Storckensohn-Gräte" kam, je moderater wurde das Sinken und es ging schließlich in Steigen über. Für mich völlig unerwartet. Der Wind aus West blies eigentlich recht kräftig. Ich entschied mal zunächst weiter an der Kante zu bleiben. Solange es stieg war das ja auch gefahrlos möglich. Einfach zurück zur angedachten Felleringwiese ging immer. Noch konnte ich nicht ahnen, dass sich diese Idee als gute Entscheidung entpuppen sollte. Denn mit dem moderaten Steigen kam auch der Landeplatz im Urbès am Camping näher. Zwar noch nicht erreichbar mit der aktuellen Höhe, aber näher. Mit jedem Meter in Richtung Westen stieg mein Mut. Nun war die Wiese hinterm Haus des ehemaligen FFVL Präsidenten Gilbert erreichbar. Ein tolles Zwischenziel. Zudem hat er dort einen Windsack aufgestellt, was für eine Landung natürlich von Vorteil ist.

Zu pokern ob es auch zum Landeplatz reicht, war mir noch deutlich vor Urbès zu heikel. Aber erneut war das Glück auf meiner Seite und über Storckensohn piepte das Vario wieder, schenkte mir gute 150 Meter an Höhe, bei gleichzeitigem Westversatz. Mit 945 Metern NN was rund 480 Meter über dem Landeplatz entspricht, hatte ich dann ab Storckensohn genug Höhe, um den Sprung zum offiziellen Landeplatz nach Urbès sicher anzugehen. Um 17:49 Uhr endet dieser ungewöhnliche Flug auf dem Landeplatz in Urbès, wo es wegen dem doch recht guten Westwind kaum einen Piloten gab, der es vom Treh hierher geschafft hatte. 🎯Mein Wunsch "kein Verkehr beim Landen" ging also in Erfüllung. Dass die Nähe zum Campingplatz dann auch die Möglichkeit zum Erwerb eines Landebieres bot, war das Sahnehäubchen bei diesem ungewöhnlichen Flug.

Und so bleibt mir dieser Flug, der am Ende für meine Ansprüche mehr als erfolgreich war, in guter Erinnerung. Dass die Flucht, sogar zweimal, der Schlüssel zu diesem Erlebnis war, konnte ich vorher nicht ahnen. Am Ende bleibt das wunderbare Gefühl, dass fliegen zu können ein Geschenk ist und dass unverhofft auch dabei oft vorkommt.